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BYND

Konstantin Arnold

ÜBERN SOMMER II

ÜBERN SOMMER II

Es war auch der Sommer, in dem ich mit dem Schreiben aufhörte und alles noch beschissener fand und kein Geld hatte, wie immer, vielleicht sogar noch weniger als immer und nur Absagen bekam und falsche Freundlichkeit, dass sie mich in die Datenbank aufnehmen und ggf. auf mich zurückkommen. Es hatte nichts mit mir zu tun, sondern damit, was Zweig 1916 schrieb, dass die ganze Welt krank ist und nur Mist verlegt, den in fünf Jahren kein Schwein liest. Natürlich fühlt man sich Schuld daran, vor allem, wenn man keinen Vater hat, oder einen, der keiner ist, ohne das einem das jemand sagte, so wie ich. Man spürt die Distanz und macht sich verantwortlich. Die einfache Trauer darüber wäre besser gewesen. So sieht man, was die anderen machen, die alles besser machen, sogar was man besser kann, als die und leidet unter seinem Casanova Syndrom. Wenn ich etwas tat, stellte ich mir vor, ich würde es nicht tun und dachte, was ich sonst tun könnte und das alles Tun sinnlos war, wenn man es nicht beschrieben hatte. Es war dann aber immer noch besser, das Sinnlose zu tun, als nichts zu tun, und sich zusammen der Illusion hinzugeben, als wäre es das nicht, weiter zu leben, gerade weil es sinnlos ist und schön aus dem gleichen Grund, aus dem sich Menschen gut anziehen, wenn sie zu einer Krebsdiagnose gehen oder den Müll aufheben, selbst wenn niemand guckt. Ich fürchtete nicht der zu sein, für den ich mich gehalten hatte und hatte Träume, mit faulen Zähnen, ohne Schmerzen, was was wohl ein neues Kapitel im Leben bedeutet, glaubt man denen, die Träumen eine Bedeutung zu messen und sagen, Träume mit Zahnschmerzen stünden dagegen für irgendwas unterdrücktes. Abends saß ich am Meer, sah mir die Boote beim Heimsegeln an und fragte mich, was wohl schöner ist, auf so einem Boot zu sein oder in Gedanken heim zu segeln und sich das zu fragen. Schreiben wollte ich nichts. Es war deshalb auch ein Sommer, der aus losen Zetteln bestand, Zerstreuungen, Geduld und Zitaten von Rilke, die ich am Spiegel kleben hatte. Ich ließ die Gedanken kommen und gehen, aber mehr gehen und erkannte, dass man sie gar nicht aufschreiben muss, damit sie das tun. Das Denken war bei der Hitze unmöglich. Ich versuchte nichts zu denken oder die, die nichts denken, zumindest nicht mit dem zu stören, was ich nicht dachte, aber ohne Denken schien alles gewöhnlich, sinnlos und flach, so wie das Meer, dass um diese Zeit still ist, warm, ohne Wind und tot. Der August stellte sich ein, wie das Urteil einer offiziell vereinbarten Hitze, die nun in Kraft getreten ist. Rollläden hingen unten, wie müde Lider, das Meer lag da, wie eine heiße, mittelmeerblaue Pfütze meiner Einzelkindheit und Rauchen schmeckte so nicht. Die Boote schliefen abgedeckt in den Buchten und warteten auf ihre Besitzer, wie in einem Freizeitpark, ohne die Gefahren eines richtigen Meeres. Dolce fucking Niente. Das Leben fühlte sich wie ein Nachmittag an, an dem zu viel geraucht wurde. Beschützt von Bergen, die nichts anderes zuließen als Südwind. Langeweile und Luftmatratzen. Ich ging zum Strand, um ihn verlassen zu können und sah nochmal zurück aufs Meer, wie in großen französischen Romanen. Jeden Tag Sonne und heiße Nächte, von denen es in Lissabon wenige gibt. Ich las Zweig, Chekov, Montaigne, las das nichts neu ist unter der Sonne und wie Zweig immer alles so schön beschreibt, aber in zwanzig Sätzen, von denen auch einer gereicht hätte und hoffte, bisher nicht das gleiche getan zu haben. Chekov schrieb klar und stark und wie immer, von einem jungen Mann, der sehr spät aufstand, einen Dreitagebart trug, abends Wein trank und nichts tat, außer sich zu beklagen. Vom Schicksal zum Müßiggang gezwungen, betrachtete er den Himmel und wanderte manchmal bis spät irgendwo umher. So wie ich. Ein guter Morgen war dann schon, nach dem Aufwachen nicht zu rauchen und jemand der anstelle Feuerholz in den Hügeln verbrennt, sodass alles im Dunst lag, vernebelt durch die Träume der Nacht, die sich langsam im Tal auflösten und dahingingen, wo sie herkamen, ins Nichts. Ich hatte die Schnauze voll vom Strandleben. Alles kam mir klein vor und eng, leer, und ausgelotet, abgesperrt und geregelt, mit Schlangen wie im Freibad, für Eiscreme und Mayonnaise. Ich hatte genug von schnorchelnden Leuten, die dabei ins Wasser pinkeln, geschwollenen Sprunggelenken, Sonnencreme und Haut, und fuhr abends nach Genua, um mich in den Gassen zu verlieren und der Vorstellung hinzugeben hier beim Schein einer Öllampe über den Dächern zu onanieren. Ich hatte ein Haus am Meer, das Meer, war verliebt in eine Frau, kurz davor verlegt zu werden und todunglücklich, weil ich die fragen musste, wie ihr Tag war. Manchmal half ich dem Salamiverkäufer oder dem Winzer, an den Hängen der Cinque Terre, wo das Meer mehr Meer ist und nach dem Mittag alles verschwimmt. Dazwischen frittierte ich Meeresfrüchte im Unterhemd, kaufte Essen, schob mir jeden Abend eine Flasche rein und holte sie von Arbeit ab, bevor die Sonne hinter die Hügel fiel. Sie hatte erst keinen Job und dann einen, vierzig Stunden die Woche, mit Anwesenheitspflicht in einer anderen Bucht, was noch viel schlimmer ist. Es war eine schöne Bucht, in die wir oft spazierten und jeder mit seinen Gefühlen ging, wenn wir gestritten hatten. Das Meer und das Land verstanden sich prächtig, prügelten nicht aufeinander ein, wie in anderen Buchten, mit bunten Häusern, die sich ganz ans Wasser wagen. Man ging nah am Wasser lang, vor den Häusern, bis zum Ende der Bucht, wo der Kiosk war und ein Gefühl von zukünftigen Ereignissen. Boote lagen unter Planen im Winterschlaf. Vor einem rostigen Tor war das Logo eines Sport Clubs angebracht, in Form des Erzengels Michael, der den Teufel erlegt und vom Himmel zurück auf die Erde schickt. Ihm sind zahlreiche Wallfahrtsorte geweiht, die oft dramatisch auf Felsvorsprüngen erbaut wurden, um Himmel und Erde symbolisch zu verbinden, so wie hier. Den hellblauen Himmel, das dunkelblaue Meer, die gelbe Kirche, die oben auf dem Hügel der Landzunge unter den Pinien stand. Man kann diese Bucht nicht einfach so schreiben, man musste wohl hier leben, einen Sommer lang, um sie beschreiben zu können, so wie Cézanne sie gemalt hätte, mit dem Turm und den Felsen, die auf der Seite der Bucht ins Wasser fielen, wo die toten Soldaten unter Zypressen liegen und den Häusern auf der anderen, die fast so schön waren wie die Zypressen und die Fischer, die in ihnen Boote reparierten und alt wurden und den Villen weiter oben am Hang und den Zug, der hier nicht hielt. Es war ein Ort zwischen den Orten, wie man ihn sich vorstellt, wenn man den Anfang der Bibel liest, hinter den beiden Tunneln mit der Pizzeria in der Kurve, die weiter nach Portofino geht. Das Wasser schimmerte durch die Pinien, blau und klar, von Grund auf hell, und eine Treppe führte von der Kirche unter Bäumen, die sich so sanft im Wind bewegen zum Meer. Ich kannte keinen Ort auf der Welt, wo man sich nach dem Schwimmen sonst noch einen van Dyck in der Kirche ansehen kann. Der wurde von Federico di Pagana in Auftrag gegeben, der der ganzen Bucht seinen Namen gab und eine Zeit Duke von Genua war und den Palast bauen ließ, mit den Parkanlagen, in dem heute der Souveräne Malteserorden sitzt, der meiner Meinung nach Caravaggio umgebracht hat und dann selber umgebracht wurde, vom Papst. Salvatore Arbocò, ein Journalist, der in den 1910er Jahren Ars et Labor schrieb, war überzeugt, dass San Michele di Pagana das stille Ziel der empfindsamsten Seelen ist, die die Religion der Schönheit am meisten spürt. Er glaubte, es sei die schönste Bucht der Welt und vielleicht ist sie es, mit den Berge und Buchten in der Ferne bis Sestri, Zoagli und das was man für Zoagli hielt, Sam Benellis Haus […]

ÜBERN SOMMER I

ÜBERN SOMMER I

Es war der Sommer, in dem wir das gleiche Acqua di Parma trugen und ein Dorf gefunden hatten, mit Bar und Post, in dem wir einen Winter verbrachten und einen Sommer und dann vielleicht den Rest unseres Lebens. Mein Traum, morgens mit dem Rad, über den Markt einer kleinen, italienischen Stadt zu fahren, ohne doll treten zu müssen und zu grüßen, war wahr geworden und ich suchte nach neuen Träumen in der wirklichen Welt, wo die Ereignisse sind und Konsequenzen haben und eine frühe Morgendämmerung die der Nacht verdrängt. Ich grüßte die Pfirsichverkäuferin, den Caffébesitzer und Literaturprofessor, den Salamiverkäufer, der das Puffbohnenfestival macht und den Priester, wobei der nie grüßt, der nickt immer nur. Den Vater des Salamiverkäufers grüßte ich auch, der war 92 und rief mich ran und manchmal hielt ich und saß mit ihm und hörte mir einen Morgen lang seine Geschichten an, mit denen die Zeit dann dahinging. Er war fast taub und blind und man konnte ihm gut zuhören, ohne reagieren zu müssen, und sich aufs Zuhören konzentrieren und das, was man nicht verstand mit Phantasie ausfüllen. Er sagte, ich bräuchte mir noch keine Gedanken machen, über Pensionen und Prostata und sollte mich auf den Sommer meines Lebens konzentrieren, in dem ich eben viel über den Sommer nachdachte und das Leben und dass das wirklich eines Tages endet und die Tage, an denen man sorglos Rauchen konnte, langsam gezählt sind. Kurz vor dem Haus sprach ich auf dem Rückweg noch mit dem Mechaniker, der aussah wie Rino Gaetano und auch so rauchte, langsam, bummelig, mit Locken, die Termine nicht einhaltend, aber am Leben. Er hatte einen Kalender mit Nacktbildern hinter sich, so wie ein Anwalt zwei Staatsexamen hinter sich hat und eine Brille mit Schlüssellochsteg trägt. Es kamen ständig Leute vorbei, die ihm ihre Autos brachten und in Gespräche verwickelten, so wie ich. Ciao, Buongiorno, Come va? So gings bis zum Lunch, dann Siesta, und dann nur noch ein bisschen tun, als würde man etwas tun, Pronto, Basta, Buona Serata und der Tag war auch rum. Ligurer sind verschlossene Leute, mit einer Art am Meer, die sonst den Bergmenschen eigen ist, das Gegenteil von Rom. Sie sprechen eine sorglose Sprache, die sich gut für den Sommer eignet, wenn die Welt einfach organisiert werden kann und in klare Kategorien passt, von bello bis bruto, caldo und multo caldo, pranzo und cena. Meiner Meinung nach hatten sie die einfachste, beste Form des Zusammenlebens gefunden, so wie sie ins Gespräch kamen und wieder raus und sich die Dinge hin und her spielten. Dass sie dabei so offen mit ihren Komplimenten umgehen, ist gut für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexe, so wie mich. Das schreibt sich natürlich alles so einfach, aber man fing eben auch an, dieselben Leute zu grüßen und musste nett sein und konnte nicht einfach in eine neue Stadt ziehen und so sein, wie ich bin. Ich bin ein Reisender, der nicht gern nett ist und nervös wird, wenn er keine Bahnstation hat, von der er heute noch nach Zürich fahren könnte. Vor allem dieses Acqua di Parma erinnerte mich daran. Es roch nach Amalfi, Sorte schöne Hotellobby, Good Morning Mr. Arnold und Liebe, die schon am frühen Morgen gemacht wird, Frühstück, Schwimmen und im Sportwagen irgendwohin, den Tag davor und das Land und immer eine andere Stadt. Ich dachte, wir wären auf Grand Tour und leben nicht wirklich hier. Wie damals, als Maler in heiterer Gemeinsamkeit Raum und Zeit durchstreiften, einer den anderen fördernd, in enger Freundschaft, die ein Vaterland nie zugelassen hätte. In den Tagen bis hier her und manchen Nächten konnte ich bleiben, weil ich die Möglichkeit des Gehens hatte und die meiste Zeit in einem Zustand verbringe, den man vielleicht kennt, wenn man Ferien in Italien macht, ein bisschen zu viel getrunken hat und das Urlaub nennt. Wir machten sogar eine Einkaufskarte, mit der man Discount im Supermarkt bekommt. Wir hätten die auch gleich am Anfang machen können, das dauert zwei Minuten, ohne Ausweis, aber manche Dinge brauchen eben acht Monate. Wir pflanzten Zitronen, schlugen Wurzeln, bekamen Freunde mit Booten, die uns zum Lunch einluden und versuchten uns im Alltag trotzdem vor Caffés zu setzen, um unsere besten Anzüge und Kleider nicht für die Ferien aufzuheben und die dann Urlaub zu nennen. Eigentlich muss man hier im Sommer nirgendwohin, weil die Stadt im Sommer eine andere ist. Terrassen, von denen man nichts weiß, öffnen, mit Hotels und Caffés, und die Strände schließen. Der Winter hier ist wie der Sommer, nur ohne all die Leute, die dann auch Sommer haben. Amerikaner kommen mit Turnschuhen von ihren Kreuzern auf Beibooten wie Piraten, die nicht mehr selber reisen, sondern gereist werden müssen und immer sagen, woher sie sind, Stadt und dann Bundesstaat. Das Wo ersetzt Wie. Die Reichen kamen aus Miami zurück, Mailand, Marbella, und wir bekamen trotzdem überall unseren Tisch. Ich hatte nicht gewusst, dass das hier ein Ort für die Leute wäre. Für mich war es einfach der Ort, an dem mein Kumpel Pippo ein Haus hatte. Häuser, die den ganzen Winter über verschlossen blieben, machten nun auf. Häuser, von denen man nur Meer und Himmel sehen konnte, kaum Welt. Segelboote kamen, weils schön ist und machten das Schöne noch Schöner […]