ÜBERN SOMMER I
Es war der Sommer, in dem wir das gleiche Acqua di Parma trugen und ein Dorf gefunden hatten, mit Bar und Post, in dem wir einen Winter verbrachten und einen Sommer und dann vielleicht den Rest unseres Lebens. Mein Traum, morgens mit dem Rad, über den Markt einer kleinen, italienischen Stadt zu fahren, ohne doll treten zu müssen und zu grüßen, war wahr geworden und ich suchte nach neuen Träumen in der wirklichen Welt, wo die Ereignisse sind und Konsequenzen haben und eine frühe Morgendämmerung die der Nacht verdrängt. Ich grüßte die Pfirsichverkäuferin, den Caffébesitzer und Literaturprofessor, den Salamiverkäufer, der das Puffbohnenfestival macht und den Priester, wobei der nie grüßt, der nickt immer nur. Den Vater des Salamiverkäufers grüßte ich auch, der war 92 und rief mich ran und manchmal hielt ich und saß mit ihm und hörte mir einen Morgen lang seine Geschichten an, mit denen die Zeit dann dahinging. Er war fast taub und blind und man konnte ihm gut zuhören, ohne reagieren zu müssen, und sich aufs Zuhören konzentrieren und das, was man nicht verstand mit Phantasie ausfüllen. Er sagte, ich bräuchte mir noch keine Gedanken machen, über Pensionen und Prostata und sollte mich auf den Sommer meines Lebens konzentrieren, in dem ich eben viel über den Sommer nachdachte und das Leben und dass das wirklich eines Tages endet und die Tage, an denen man sorglos Rauchen konnte, langsam gezählt sind. Kurz vor dem Haus sprach ich auf dem Rückweg noch mit dem Mechaniker, der aussah wie Rino Gaetano und auch so rauchte, langsam, bummelig, mit Locken, die Termine nicht einhaltend, aber am Leben. Er hatte einen Kalender mit Nacktbildern hinter sich, so wie ein Anwalt zwei Staatsexamen hinter sich hat und eine Brille mit Schlüssellochsteg trägt. Es kamen ständig Leute vorbei, die ihm ihre Autos brachten und in Gespräche verwickelten, so wie ich. Ciao, Buongiorno, Come va? So gings bis zum Lunch, dann Siesta, und dann nur noch ein bisschen tun, als würde man etwas tun, Pronto, Basta, Buona Serata und der Tag war auch rum. Ligurer sind verschlossene Leute, mit einer Art am Meer, die sonst den Bergmenschen eigen ist, das Gegenteil von Rom. Sie sprechen eine sorglose Sprache, die sich gut für den Sommer eignet, wenn die Welt einfach organisiert werden kann und in klare Kategorien passt, von bello bis bruto, caldo und multo caldo, pranzo und cena. Meiner Meinung nach hatten sie die einfachste, beste Form des Zusammenlebens gefunden, so wie sie ins Gespräch kamen und wieder raus und sich die Dinge hin und her spielten. Dass sie dabei so offen mit ihren Komplimenten umgehen, ist gut für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexe, so wie mich. Das schreibt sich natürlich alles so einfach, aber man fing eben auch an, dieselben Leute zu grüßen und musste nett sein und konnte nicht einfach in eine neue Stadt ziehen und so sein, wie ich bin. Ich bin ein Reisender, der nicht gern nett ist und nervös wird, wenn er keine Bahnstation hat, von der er heute noch nach Zürich fahren könnte. Vor allem dieses Acqua di Parma erinnerte mich daran. Es roch nach Amalfi, Sorte schöne Hotellobby, Good Morning Mr. Arnold und Liebe, die schon am frühen Morgen gemacht wird, Frühstück, Schwimmen und im Sportwagen irgendwohin, den Tag davor und das Land und immer eine andere Stadt. Ich dachte, wir wären auf Grand Tour und leben nicht wirklich hier. Wie damals, als Maler in heiterer Gemeinsamkeit Raum und Zeit durchstreiften, einer den anderen fördernd, in enger Freundschaft, die ein Vaterland nie zugelassen hätte. In den Tagen bis hier her und manchen Nächten konnte ich bleiben, weil ich die Möglichkeit des Gehens hatte und die meiste Zeit in einem Zustand verbringe, den man vielleicht kennt, wenn man Ferien in Italien macht, ein bisschen zu viel getrunken hat und das Urlaub nennt. Wir machten sogar eine Einkaufskarte, mit der man Discount im Supermarkt bekommt. Wir hätten die auch gleich am Anfang machen können, das dauert zwei Minuten, ohne Ausweis, aber manche Dinge brauchen eben acht Monate. Wir pflanzten Zitronen, schlugen Wurzeln, bekamen Freunde mit Booten, die uns zum Lunch einluden und versuchten uns im Alltag trotzdem vor Caffés zu setzen, um unsere besten Anzüge und Kleider nicht für die Ferien aufzuheben und die dann Urlaub zu nennen. Eigentlich muss man hier im Sommer nirgendwohin, weil die Stadt im Sommer eine andere ist. Terrassen, von denen man nichts weiß, öffnen, mit Hotels und Caffés, und die Strände schließen. Der Winter hier ist wie der Sommer, nur ohne all die Leute, die dann auch Sommer haben. Amerikaner kommen mit Turnschuhen von ihren Kreuzern auf Beibooten wie Piraten, die nicht mehr selber reisen, sondern gereist werden müssen und immer sagen, woher sie sind, Stadt und dann Bundesstaat. Das Wo ersetzt Wie. Die Reichen kamen aus Miami zurück, Mailand, Marbella, und wir bekamen trotzdem überall unseren Tisch. Ich hatte nicht gewusst, dass das hier ein Ort für die Leute wäre. Für mich war es einfach der Ort, an dem mein Kumpel Pippo ein Haus hatte. Häuser, die den ganzen Winter über verschlossen blieben, machten nun auf. Häuser, von denen man nur Meer und Himmel sehen konnte, kaum Welt. Segelboote kamen, weils schön ist und machten das Schöne noch Schöner […]