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BYND

Konstantin Arnold

ÜBERN SOMMER I

ÜBERN SOMMER I

Es war der Sommer, in dem wir das gleiche Acqua di Parma trugen und ein Dorf gefunden hatten, mit Bar und Post, in dem wir das schon einen Winter lang trugen und nun den Sommer und dann vielleicht den Rest unseres Lebens. Mein Traum, morgens, mit dem Rad, über den Markt einer kleinen, italienischen Stadt zu fahren, ohne doll treten zu müssen und zu grüßen, schien wahr geworden und ich suchte nach neuen Träumen in der wirklichen Welt, wo die Ereignisse sind und Konsequenzen haben und eine frühe Morgendämmerung die der Nacht verdrängt. Ich grüßte die Pfirsichverkäuferin, den Caffébesitzer und Literaturprofessor, den Salamiverkäufer, der das Puffbohnenfestival macht und den Priester, wobei der nie grüßte, der nickt immer nur. Den Vater des Salamiverkäufers grüßte ich auch, der war 92 und rief mich ran und manchmal hielt ich und saß mit ihm und hörte mir einen Morgen lang seine Geschichten an, mit denen die Zeit dann dahinging. Er war fast taub und blind und man konnte ihm gut zuhören, ohne reagieren zu müssen, und sich aufs Zuhören konzentrieren und das, was man nicht verstand mit Phantasie ausfüllen. Er sagte, ich bräuchte mir keine Gedanken machen, über Pensionen und Prostata und sollte mich auf einen  weiteren Sommer meines Lebens freuen, in dem ich viel über das Leben nachdachte und dachte, dass es wirklich eines Tages endet und die Tage, an denen man sorglos Rauchen konnte, langsam gezählt sind. Kurz vor dem Haus sprach ich auf dem Rückweg noch mit dem Mechaniker, der aussah wie Rino Gaetano und auch so rauchte, langsam, bummelig, mit Locken, die Termine nicht einhaltend, aber am Leben. Er hatte einen Kalender mit Nacktbildern hinter sich, so wie ein Anwalt zwei Staatsexamen hinter sich hat und eine Brille mit Schlüssellochsteg trägt. Es kamen ständig Leute vorbei, die ihm ihre Autos brachten und in Gespräche verwickelten, so wie ich. Ciao, Buongiorno, Come va? So gings bis zum Lunch, dann Siesta, und dann nur noch ein bisschen tun, als würde man etwas tun, Pronto, Basta, Buona Serata und der Tag war auch rum. Ligurer sind verschlossene Leute, mit einer Art am Meer, die sonst den Bergmenschen eigen ist, das Gegenteil von Rom. Sie sprechen eine sorglose Sprache, die sich gut für den Sommer eignet, wenn die Welt einfach organisiert werden kann und in klare Kategorien passt, von bello bis bruto, caldo und multo caldo, pranzo und cena. Meiner Meinung nach hatten sie die einfachste, beste Form des Zusammenlebens gefunden, so wie sie ins Gespräch kamen und wieder raus und sich die Dinge hin und her spielten. Dass sie dabei so offen mit ihren Komplimenten umgehen, ist gut für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexe, so wie mich. Das schreibt sich natürlich alles so leicht, aber man fing eben auch an, dieselben Leute zu grüßen und musste nett sein und konnte nicht einfach in die nächste Stadt ziehen und so sein, wie ich bin. Ich bin ein Reisender, der nicht gern nett ist und nervös wird, wenn er keine Bahnstation hat, von der er heute Nacht noch nach Zürich fahren könnte. Vor allem das Acqua di Parma erinnerte mich daran. Es roch nach Amalfi, Hotellobby, Mr. Arnold, Liebe, die schon früh morgens gemacht wird, Frühstücken, Schwimmen und im Sportwagen, am Abend, irgendwohin, den Tag davor und das Land und immer eine andere Stadt. Ich dachte, wir wären auf Grand Tour und leben nicht wirklich hier. Wie damals, als Maler in heiterer Gemeinsamkeit Raum und Zeit durchstreiften, einer den anderen fördernd, in enger Freundschaft, die ein Vaterland nie hätte zugelassen. In den Tagen bis hier her und manchen Nächten konnte ich bleiben, weil ich die Möglichkeit des Gehens hatte und die meiste Zeit in einem Zustand verbringe, den man vielleicht kennt, wenn man Ferien in Italien macht und ein bisschen zu viel getrunken hat. Jetzt haben wir sogar eine Einkaufskarte, mit der man Discount im Supermarkt bekommt. Wir hätten die auch gleich am Anfang machen können, das dauert zwei Minuten, ohne Ausweis, aber manche Dinge brauchen eben acht Monate. Jetzt pflanze ich Zitronen und habe Freunde mit Boot, die uns zum Lunch einladen und versuche mich im Alltag trotzdem vor Caffés zu setzen, um meine besten Anzüge nicht für die Ferien aufzuheben und die dann Urlaub zu nennen. Eigentlich musste man hier im Sommer nirgendwohin, weil die Stadt im Sommer eine andere ist. Terrassen, von denen man nichts wusste, öffnen, Hotels und Caffés, nur die Strände schließen. Der Winter hier ist wie der Sommer, nur ohne all die Leute, die dann auch Sommer haben. Amerikaner kommen mit Turnschuhen von ihren Kreuzern auf Beibooten wie Piraten, die nicht selber reisen, sondern gereist werden müssen und immer sagen, woher sie sind, Stadt und dann Bundesstaat. Das Wo ersetzt das Wie. Die Reichen kommen aus Miami zurück, Mailand, Marbella, und wir bekamen trotzdem überall […]

ÜBERN WINTER

ÜBERN WINTER 

Die Idee kam uns letzten Winter. Wir hatten gerade Feuerbachs Selbstportrait im Belvedere in Wien gesehen und saßen ums Eck im Café Goldegg bei Kaffee (mit Schuss) und Kuchen. Sie sagte, dass es schon ihr Traum wäre, mal eine Zeit lang in Italien zu leben und ich sagte, den Traum hätte ich auch schon gehabt und ich hätte es auch schon ein paar Mal probiert, wie Feuerbach, mit Rom, es wäre mir nur nie gelungen, mit italienischen Frauen. Ich fragte, ob sie alleine gehen will oder mit mir und ob ich es für sie tun soll oder aus mir heraus und sie sagte, dass sie nie ohne mich irgendwohin gehen würde, und ich es aus mir heraus tun soll und für sie, so wie Liebende eben sind. Ich sagte, gut, let’s go, nächsten Winter, dann hätten wir genug Zeit einen Ort zu finden. Sie war ganz perplex und fragte wirklich und ich sagte ja. Es gibt Leute, die ihre Träume leben und Leute, die das nicht tun, um sie weiter träumen zu können. Ich gehöre zu der ersten Variante. Die Zeit verging, der Sommer kam und ging und erinnerte uns daran. Wir hatten gerade einige Wochen auf Sizilien verbracht und den Plan, die Küste hochzufahren, um das Dorf mit Bar und Post zu finden, in dem wir den Winter über verbringen. Ich hatte mein Manuskript und einen Verleger, der das auch wollte und mir sogar Geld dafür gab, den Winter über daran zu arbeiten und davon zu leben und damit trinken zu können. Er hatte das nicht so gesagt, aber ich hatte das so verstanden. Wir hielten in einer Bucht, tiefstes Kalabrien, um zu schwimmen und dann in einem kleinen Dorf, für ein Eis. Das Dorf war ganz nett, vom Wasser umgeben, auf einer Anhöhe. Es gab eine schöne Piazza und einen Weinhändler, der auch Schaumwein da hatte und mir erzählte, dass man Napoleons Bruder hier umgebracht hätte, aber das Dorf gefiel ihr nicht. Sie war keine von diesen Leuten, die andere Leute brauchen, aber Kalabrien ist im Winter abgelegen und ganzjährig Mafia. Als am Flughafen saßen, rief Pippo an, mein Freund und Parmesanbauer, und fragte, ob wir nun was gefunden hätten und ich sagte nein. Er fragte, warum wir das nicht lassen und einfach sein Sommerhaus über den Winter bei Genua nehmen, weil das sowieso leer stehe, wir müssten nur den Strom selber zahlen. Außerdem hätte mir die Ecke doch sowieso immer schon gefallen. Ich kannte die Gegend, war schon oft mit dem Zug vorbeigefahren und hatte mir vorgestellt, wies wohl wäre, hier morgens schwimmen zu gehen und Focaccia  zu kaufen, mit einer Corriere della Sera unter dem Arm, wie ein ganz normaler Mensch, der gut geschlafen hat. Irgendetwas von mir war da, so wie es auch in Lissabon, Rom, Wien und an der Riviera ist, etwas, dass ich nur wieder finde, wenn ich immer wieder und wieder an diese Ort zurückkehre. Ein Ort ist ja immer erst mal ein Gefühl und es schien, als ließe es sich dort gut arbeiten und leben und lieben und darauf käme es, als Schriftsteller, schließlich an. Ich fragte sie gar nicht erst und sagte zu und sagte ihr nach dem Telefonat nur: Den Winter verbringen wir in Ligurien, wo die Enge der Berge auf die Weite des Meeres trifft. Wir flogen zurück, trafen die nötigen Vorbereitungen, schmissen eine Abschiedsparty und packten sehr verkatert unsere Sachen, was gar nicht so einfach war und gar nicht so wie sonst, wenn man nur für eine Zeit irgendwohin will und weiß, wie lang die ist. Es fällt einem auf, dass man ja Zimmerpflanzen hat, dreckiges Geschirr, Restmüll, Internetverträge, einen Kühlschrank, in dem noch Essen ist. Wo schafft man das hin und wohin mit dem Auto, ohne dass es von Möwen vollgeschissen wird? Schaltet man den Kühlschrank jetzt ab? Verkauft man das Auto, wohin mit den Pflanzen, verdammt, das ganze Essen, hier kommen die Zweifel. Von der Scheiße mit dem Übergepäck ganz abgesehen. Eigentlich ist es auch so, dass Leute eher aus dem Norden in den Süden fahren, nicht umgedreht, von Lissabon, nach Rapallo, aber Pippo meinte, die Winter dort wären mild und einzigartig, weil die Berge die kalten Nordwinde abfangen. Es gäbe eine Bucht, in der man schwimmen kann und viele Bars, in die man nach dem Schwimmen gehen könnte, um zu trinken. Außerdem änderte sich Lissabon doch sehr, Buchläden, Kneipen und Cafés, die mir zehn Jahre lang eine Heimat gewesen sind, schlossen und wurden zu Zaras. Nach so vielen Italienaufenthalten ist der Kaffee Portugals irgendwann nur noch warmes Wasser und solange morgens irgendwo noch Spülmittel in der Sonne trocknet und ich das riechen kann, ist für mich auch Südeuropa […]