EILAND
Ich wollte nie nach Venedig. Die Wasserstadt hat mich nicht interessiert. Nicht, dass mich Bilder von Brücken, die über Kanälen schweben nicht ansprechen, aber ich hatte zu viele davon gesehen und zu viel davon gehört, von Leuten, die sich über Touristen aufregen und selber welche sind. Venedig war dann so, wie eine sehr schöne Frau oder ein sehr schöner Mann, aber ich glaube eine Frau, die ihre Irrtümer nicht kennt. Ich dachte, ich könnte leben und lieben, ohne die Hauptstadt der Sehnsucht zu sehen, weiter träumen von den großen Maskenbällen der Geschichte, einer Unbekannten in einem Hauseingang, Affären, Zeit, Morgenröte, romantischen Gondelstunden, einem Vorhang, der weht, nachdem man sich von einem ganz bestimmten Gefühl befreit hat und kriminellen Fickern, die im schwarzen Umhang über die Dächer flüchten. Dann kam ich zur Seuchenzeit das erste Mal da. Verurteilen sie mich, wir sehen uns in der Hölle. Ich sah leere Bilder vom Markusplatz und konnte die Leere nicht vergessen, sie kamen gleich nach Delfinvideos, aber die waren gelogen. Im Wasser Venedigs überlebt keine Seuche, sie würde sich mit dem Wasser Venedigs anstecken. Napoleon nannte Istanbul die Hauptstadt der Welt und den Markus Platz ihr Wohnzimmer und ich sah diese Bilder vom Markusplatz, man konnte ihn sehen, ohne Menschen, wie schön der Platz war. Also fuhr ich hin. Es war ein Septemberabend. Ich kam im Regen an und es dämmerte. In einigen Palästen brannten die Kronleuchter und strahlten gut restaurierte Gemälde an, die von prächtigen Dübeln gehalten wurden. Die meisten Fenster waren schwarz und sahen mit dunklen, nachdenklichen Augen geheimnisvoll auf das wenige, vorbeiziehende Leben. Es war eine schwere Dunkelheit, die von diesen venezianischen Palästen ausging und durch das Schwimmende wieder aufgehoben wurde. Im Regen der Seuchennacht schien die Stadt zu alter Romantik zu erwachen und ich konnte es kaum erwarten, im Hotelzimmer anzukommen und theatralische Musik laufen zu lassen. Es war die Vorstellung eines Ortes, den man so sonst nie findet. Etwas Echtes, nicht die Vorstellung von etwas Echtem. Ich lief durch die Gassen neben den Arkaden und stand alleine unterm Regenschirmen auf dem Markusplatz. Die Kellner des Caffè Florian stellten gerade die Tische rein. Der Abend sah aus wie der frühe Morgen eines nassen Tages, es war nebelig und blau, es dämmert jedenfalls. Die Straßenbeleuchtung schaltete sich an und ein Mann ging über den Platz, auf dem Tauben grasten, wie kleine Kühe mit Flügeln dran. Ich aß und trank Valpolicella. In Harrys Bar gab es noch einen letzten Drink, der nach Bellini benannt wurde, der anscheinend so gelb gemalt hat und einen Montgomery 15:1, der für irgendein bescheuertes Heerverhältnis steht. Untrinkbar, aber das einzige, was noch offen hatte. Zwischen amerikanischen Karikaturen lernte ich ein paar Venezianer kennen. Wir teilten uns beim Rauchen den Schirm und beschwerten uns über die Drinks. Die letzte Runde wurde denen und mir verwehrt. Seitdem habe ich Hausverbot. Ich fragte, ob man noch irgendwo anders hingehen könne und sie sagten, dass man in Venedig ein Motorrad, ein Boot und einen Bus braucht, um jetzt noch irgendwo anders hinzukönnen. Ich ging zurück ins Hotel und schwor mir, nie wieder zu kommen. Seitdem stirbt die Stadt, aber ihr Untergang ist Teil der Erzählung. 2009 hat man sie schon mal beerdigt, als die Einwohnerzahl erstmals unter 60.000 sank. Jetzt liegt sie unter 50.000, bei 30 Millionen Touristen im Jahr. Die Rache der Kreuzfahrer sind Kreuzfahrtschiffe. Das Salzwasser steigt. Zerfrisst die Mauern. Menschen überschwemmen die Stadt. Schreien sich an, werden angeschrien von Verkäufern, Ladenbesitzern und Guides: kommen sie rein, können sie rausgucken, fahren sie Gondel, wollen sie das kosten und dies, essen sie hier, kotzen sie später. Ich weiß nicht, ob Jesus dasselbe mit Venedig machen würde, was er im mit den Händlern im Tempel macht. Es gibt kein Handwerk mehr. Keine Kneipen und Marmeladenläden, keinen Milchmann, nur noch Ramsch, den keiner braucht und der auch nicht schön anzusehen ist, wenn man abends, eingehakt, flanieren geht und in die Auslagen sieht. Es sind die gleichen Läden wie überall, oder es sind andere. Außerdem sind dauend Filmfestspiele. Die Frage ist, wo man dann wohnt. Das Gritti ist zu Gritti, das Cipriani zu voll, der Palazzo Papadopoli eigentlich nicht schlecht, bis Schweinsteiger da heiraten wollte, den Rest kannten wir nicht. Achso, das Danieli, ja, das Danieli, das war aber lange zu und ist jetzt erst wieder offen, aber so, dass es auch zu bleiben könnte. Der Palast hat mal der Familie Dondola gehört, die maßgeblich für den vierten Kreuzzug verantwortlich war und Konstantinopel plünderte, auf dem Weg nach Jerusalem, womit ich meines Namens wegen schon so meine Probleme habe. George Sand und Alfred Musset sind hier abgestiegen, Zimmer 10, im Mezzanin, mit Blick auf die Ponte della Paglia. Eine der übertriebensten Liebesgeschichten der Literatur. Musset erkrankt schwer an Typhus und wird vom Hotelarzt gepflegt. Sand, die kleine Nutte, verliebt sich in den Arzt, betrügt Musset noch am Krankenbett und brennt mit dem Doktor durch. Musset schreibt darauf seine Bekenntnisse und stirbt. Sand schreibt Sie und Er, Mussets Bruder rächt sich und schreibt Er und Sie, um die Dinge gerade zu rücken. Auch Lord Byron lebte hier, der pickellose Popstar der Romantik war einer der ersten Stammgäste des Hauses, bevor der Palazzo 1822 in ein Hotel umgewandelt wurde. Hier logierte er, während seiner skandalös zusammengedichteten Jahre in Venedig, schwamm und hinkte, schrieb seine berühmten Verse über die Seufzerbrücke, fassungslos darüber, dass es mit den Frauen immer das gleiche ist. Wenn man jung ist, glaubt man, man müsse, um die Frauen zu kennen, mit möglichst vielen schlafen. Wenn man älter wird, schläft man mit einigen, um sich zu vergewissern, dass es immer die gleiche ist. Byron wurde nie älter. Er starb mit 36 während des griechischen Unabhängigkeitskampfes […]