UNTERWEGS II
Es wurde ein sehr romantischer Roadtrip außerhalb der Zeit. Mindestens einer rauchte immer und nichts passierte unter 0,5 Promille. Bis zum Abend hatten wir keine eine Ahnung, wo wir blieben und vögelten nach langen Fahrten in billigen Hotels. Links standen Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Ich hatte die Schnauze voll von großen Dîners und Kellnern, die dauernd fragen, wie irgendetwas gewesen war. Wir fuhren von einer einfachen Mahlzeit zur Nächsten, durch viele kleine Dörfer, wo die Leute auf Plastikstühlen saßen, wie man sie aus dem Schrebergarten oder von der Klagemauer kennt. Wenn wir zu beschwipst waren, um weiterzufahren, kauften wir Pflaumen von denen oder fuhren trotzdem einfach weiter und verließen uns auf die schmalen Straßen einer noch nie gemalten Landschaft, von denen die alten Italiener vor den Bar Centrales sagten, sie würden die Schwächen der Männer wegwaschen und die Traurigkeit der Dinge, und bis in die Wirklichkeit unserer Träume führen. Solche Geschichten ließen sich natürlich schöner schreiben, als die, die nicht so sind und nur so geschrieben werden. Es war eine Mischung aus Grand Tour und Bildungsreise, die vor allem dazu diente, Erfahrungen in erotischen Dingen zu sammeln, Provinzialität abzuschütteln, Nationalstolz, und die Anmaßung zu glauben, die Erde gehöre uns, wenn wir nur lange genug auf ihr stehen. Erst wenn das, was man tut, hört, fühlt und sieht, eins wird, weil man sich beim Fahren die Gedanken wegblasen lässt und das im Rückspiegel sieht, während Puccini läuft (nessun dorma) und das Meer vorbeizieht oder die Berge, die Welt Gottes, ist das ein sehr lebenswerter Moment. Wir hatten viele davon. In einer Haltebucht der Poebene und auf dem Parkplatz vor Florenz, wo sie Burger aus Chianina-Rindern machen, der größten und schwersten Rinderrasse der Welt. Und wie wir erst sehr spät nachts in Ferrara ankamen und kein Hotel fanden und kein Caffé, vor dem man halten konnte, um nach einem zu fragen. Daniele hatte uns ein Lokal empfohlen, das lange zu war und auch kein Grund. Zum Mittag hatten wir mit dem Schweinerücken vom Grill gegessen und Schaumwein getrunken und sahen von seinem Haus über das Land. Er hatte uns all die Täler gezeigt und meinte, die wären arm dran. Er sagte, es wäre ein schlechtes Jahr für den Wein gewesen, und auch für die Trüffel, nicht so sehr für ihn, aber für die da unten, vom Piemont bis in die Hölle der Toskana. Wir tranken danach noch einen Etna Bianco, weil Daniele nicht nur seinen Wein wollte, was ich sympathisch fand. Erst am frühen Abend kamen wir dort los. Wir fuhren durch die Poebene. Die Sonne ging gerade über den endlosen Feldern unter, als wären die das Meer. Hinter uns wurden die Berge immer blasser, wie lila Pinselstriche, denen langsam die Farbe ausging. Da waren Fischer mit Fangnetzen und Nebel, der alles verhüllt und für Vorstellungen sorgt, die Antonioni mit seinen Filmen geschaffen hatten. Wir fuhren an scheuen Birken vorbei, kleinen Caffés, in denen die Leute nett waren, aber den Menschen dort blieb nichts anderes übrig, als sehr nett zu sein. Ich hatte ihr im Frühling ein Buch geschenkt, dass ich in Palermo geklaut hatte und in Ferrara spielt und sie erzählte mir davon und den Gärten der Finzi-Contini. Als wir nach Ferrara reinfuhren, sagte sie, die Stadt wäre genau wie das Buch, langweilig, ein bisschen wahllos und schön, aber eben auch nicht mehr. Wir tranken ein Bier und aßen irgendwas Typisches auf den glatten Marmortreppen irgendeines Palastes und ich sagte zu ihr, dass aus solchen Momenten meist schöne Erinnerungen entstehen und man eines Tages mit Freude dran denkt, wie wir in Ferrara Bier tranken und was typisches aßen und sonst nichts. Ein paar Studenten, die ein paar Stufen weiter unten saßen empfahlen uns ein Hostel und meinten das wegen einer Messe für Umweltsanierung und Kreislaufwirtschaft hier sonst alles belegt wäre. Der Rezeptionist war ein kleiner Mann, der meinte, er hätte schon noch was frei. Ich fragte, was schon noch was bedeutet und wovon das abhängig wäre. Er sagte, das wüsste er auch nicht und erklärte, was er auch nicht wüsste und eh schon tat und er erklärte so viel, dass man ihm nicht weiter zuhören konnte. Wenn man ihn fragte, wo man denn das Cabrio hinstellen könnte, kam er einem mit dem Sanierungsplan der Stadt, dem Parkplatzproblemen seiner Mutter und dem Netz aus Einbahnstraßen. Er hätten deswegen auch Diabetes gehabt, von einem Bruder, väterlicherseits, der einen Citroen Picasso hatte, ein großes Auto, das er nicht einparken konnte. Es war bald drei Uhr, zum Heulen. Dafür frühstückten wir am nächsten Morgen schön im Innenhof unter Bäumen. Sie sagte, ihren wären die vom Klo auch schon aufgefallen, weil die Äste fast bis ans Fenster gehen. Melancholien, wie sie sonst nur die Tuilerien im Herbst in einem erzeugen können. Danach besuchten wir Antonionis Grab, das auf einem schönen, grünen Friedhof in der Sonne lag. Der Backstein grenzte sich klar vom blauen Himmel ab, dazu der Geruch von Linden, die langsam wärmer wurden. Es gab auch eine Burg, die ich aber nicht für voll nahm, bis mir später jemand erzählte, dass die zu den besten Italiens zählt und zur selben Familie, wie die Villa d’Este. Das hatte immer irgendwas mit Minderwertigkeitskomplexen zu tun, den Antonioni in Avventura schön beschreibt. Seine Filme konnte ich trotzdem nicht ausstehen, sie waren früher mal modern, was sie heute natürlich alt macht. Sie waren aktuell und dadurch nicht ewig. Das unterscheidet ihn von Fellini, Visconti, Pausolini und vielleicht auch Sorrentino, aber das werden wir erst sehen, wenn […]