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BYND

Konstantin Arnold

GLEICHFALLS II

GLEICHFALLS II

Es war heiß in Europa und wir überlegten, wo wir hinkönnen können und welches Hotel uns aufnehmen würde. Am Genfer See kannte ich eins, von dem man aufs Wasser gucken konnte. Dazu die Weine der Lavaux, Geschichten von Lord Byron und Mary Shelly, die hier 1816 einen Sommer ohne Sommer verbrachten. Außerdem: Richard Burton liegt dort da begraben, aber bei 38 Grad, ohne Wind. Im Zug, am nächsten Tag, dachte ich über all das nach. In Zügen kann man gut denken, vor allem, wenn der nah am Wasser lang fährt, wie kurz nach Zürich, über Brücken, Tunnel, viele Kurven und Steiles. Ich sah weiße Segelboote auf riesigen Seen, die den Meeren glichen. Sie sahen prähistorisch aus und lagen sehr tief vor hohen Felswänden oder an auslaufenden Ufern, die nur langsam flacher wurden. Hier war also der Wind, kurz nach Zürich, wenn man lange genug Richtung Landquart gefahren ist. Ich dachte an einen von diesen reichen Typen der letzten Nacht, einen, der zwar wusste, was der Genfer See ist, aber nicht, dass man den Lac Léman nennt. Wir hatten ihn an der Bar kennengelernt. Er sprach viel vom Segeln und sah sich meine Freundin an. Ich hatte mit Segeln nichts am Hut, außer dass ich mal einem älteren Herren geholfen habe, sein schönes Holzboot aus dem Wasser zu ziehen. Sein Gesicht strahlte von den frühen Morgenstunden des Meeres, aber das schien den Typen nicht zu interessieren. Er erzählte mir von seinem Segel Club, in dem fast geschiedene Manager außer Dienst verlernt haben mit ihren Frauen über Gefühle zu reden. Die Geschichte war unerträglich, man trank auch kein Bier in ihr. Alle kamen nur mit ihren Tesslas uns sahen sich nach ihrer sehr gut bezahlten Arbeit im Polohemd und Tennisschuhen ihre Segelboote an, als wäre das schon Sport. Ich sagte, bei uns gäbe es auch so einen Club, in Santa Margarita, gegenüber von der Bar, wo ganz Mailand in den Ferien einen auf Aperitivo macht. Da segeln nur Adlige, die jene Zeile im Leoparden zitieren, in denen Don Fabrizio über die Auserwähltheit einer höheren Rasse spricht und sich für das Salz der Erde hält. Er fragte, ob ich sonst keine Erfahrungen hätte und ich sagte, ich hätte es probiert, aber nie genug Wind gehabt oder viel zu viel. Ich hätte es in Australien probiert, auf Madeira, vor Lissabon, auf dem Lago di Como und ich hätte es satt, es immer nur probiert zu haben. Er erzählte mir von einer Frau, die einen genuesischen Marquis im Vatikan geheiratet hätte und sich dann scheiden ließ, aber noch gut mit dem befreundet wäre. Seitdem lebe sie auf einem Boot in Venedig, einem Palast in Rom und einem großen Haus in Portofino, das ich vielleicht kenne. Die hätte kein Boot, aber Freunde, die welche hätten. Ich lehnte dankend ab. Diese Leute lassen dich immer nur leer zurück und man überlegt sie beim Zuhören mit welchem Gegenstand zu erstechen. Sie sprechen von ihren Booten und wollen dich anrufen, was sie nie tun. Ich führte meine Freundin einmal im Abendkleid auf den berühmtesten Platz Italiens für irgend so ein scheiß Dinner und konnte es nicht erwarten, den schnellstens wieder zu verlassen.  Der Zug fuhr immer weiter hoch.  Steile Nadelwälder am Hang, die ich langsam so oft gesehen habe, das sogar mir klargeworden ist, dass die da stehen. Ich weiß nach welcher Kurve, was für ein Tunnel kommt und dass das nach Spinas irgendwann Semadan sein muss, mit seinen hässlichen Häusern und meiner Angst vor Spritzputz. Dieses Engadin hat immer irgendwas dunkles, dass das Licht aufnimmt und in tiefen Tönen an die Welt zurückgibt. Mit einem Unbehagen, das mir langsam vertraut geworden ist. In dem Tal sind vier Seen. Zwischen Silvaplana und Silsersee, steht auf 1820 Metern ein Waldhaus und bietet eines der schönsten Gebirgspanoramen der Welt, mit Blick auf die Seen und Berge, die sich auf beiden Seiten in die Ferne auf machen. Ein Blick, so synchron, dass er schon schon von Thomas Mann, Hesse und Chagall geguckt wurde. Dazu die Kulturentourage, die solche Besuche nach sich ziehen, Wutwanderer aus aller Herren Länder, ältere Paare mit Igelschnitt und Schweizer, die nie Hallo sagen und sich beschweren, wenn man zu laut Luft geholt hat. Es ist der unsexuellste Ort der Welt. Man verabscheut ihn und kommt trotzdem immer wieder. Ich war schon drei Mal hier, weil immer alles, wie immer ist. Die gleichen Kellner tragen tagsüber Manschettenknöpfe in hellen Anzügen und verteilen in dunklen am Abend Häppchen, die man überall, wo man isst, mit denen vergleicht. Man vergleicht jedes Hotel mit diesem Haus, es ist der Maßstab, obwohl die Italienischen Concierge langsam so werden, wie Schweizer. Alles, was ich je über Hotels geschrieben habe, nimmt hier seinen Anfang. Ich habe hier Sachen gelesen und geschrieben und abgeschrieben von Leuten, die sie sicher auch auch irgendwo abgeschrieben haben und so weiter. Die Belle Epoque Kapelle bläst im Freien zum Mittag, Tag für Tag, während man unten ein paar Bälle Tennis drischt. Luft und Stille, die nach schweren, heißen Tagen voll italienischer Menschen, genau das richtige sind.Schöner, als ins Waldhaus zu kommen, ist dann nur ins Waldhaus zurückzukommen […]

GLEICHFALLS I

GLEICHFALLS I

Irgendwann war’s in einfach zu heiß und wir fuhren nach Deutschland. Ich hatte eine Lesung in Ingolstadt und eine Sache in Baden-Baden, die erst mal noch nichts zur Sache tut, aber schon mal gut klingt, wenn man bedenkt, dass wir von dort weiter ins Engadin gefahren sind, um vor der Hitze in die Berge zu flüchten, so wie Rilke, Hesse und die anderen Knochenlosen das getan haben. Der Italienische Sommer ist heiß und laut und voll und überhaupt nicht so, wie man sich den vorgestellt hat, wenn man dort sonst nur Ferien macht und die Urlaub nennt. Wir verbrachten ein paar Tage bei mir daheim, die Landschaft ist ähnlich, nur ohne glücklich angesoffene Leute in Trattorien. Es gibt dort auch keine Trattorien, nur Orte, in die Leute gehen, die ihr Leben vom Wetter abhängig machen und darüber reden, was sie eh schon tun: Geld ausgeben, schweigen, wieder gehen. Dabei ist das Land eigentlich schön, es fehlt nur der Wein und Leute, die sich an dem betrinken. Es gibt dort Dörfer, in weiter Landschaft, wie Paul Lübbecke die malt. Hügel mit kleinen Wäldern oben drauf und Felder, in denen der Wind klingt wie das Meer. Pappeln, die noch nie Erfolg gehabt haben, bei irgendwem, stehen am Straßenrand und vor allem diese Pappeln sind es, die standen schon da, als Oma aus Ostpreußen kam, heiratete, sich scheiden ließ und auf die Felder ging um zu schreien. Die standen da, als ich ein kleiner Junge war und Angst hatte, vor einem Land ohne Trattorien, in denen die Pappeln bis zum Himmel wachsen. Sie waren da, als meine Mutter schwanger war und von daheim weglief, um den Vater zu treffen. Alle wollen ihre Familie schützen, aber am wenigsten vor sich selbst. Man sieht die Pappeln schon vom Zug aus, sieht Flüsse und Felder, Burgen und Alleen, an denen rechts und links diese verdammten Pappeln stehen und Dörfer verbinden, deren Namen mir nicht mehr einfielen. Meine Psychologin meinte, es wäre gut, diese Orte mal wieder zu besuchen und einige Wege aus der Vergangenheit zu gehen, in denen man denkt. Ich sprach mit einem Bratwurstverkäufer, aus der Gegend, der meinen Vater kannte und Tarzan nannte und einem anderen Mann, der den nicht kannte und sich mit vollem Kofferraum oben, beim Sportplatz, wo die Russen mal waren und die Straße schmal wird, aufregte und meinte ich könnte nicht fahren. Ich fuhr ihm nach und fragte, was er meinte und meinte, dass ich mich hier an (den kahlen Laubwäldern) meiner Kindheit abarbeite und das der einzige Ort auf der Welt sei, an dem ich das kann und wohl fragen darf, woher er denn sei und was er hier wolle, mit seinem Greizer Kennzeichen, weil ich wirklich, endlich einmal auch von irgendwo bin. Ansonsten war diesmal alles gar nicht so schlimm und leer und voll leerer Leute, die so schlimm leer und abgestorben sind. Es war eher so wie Preller (der Ältere) Heimaten malt. Er malt sie wie die Bucht von Neapel, Sorrento oder Sommerabende vor Capri und bringt sie uns näher. Meistens ist der Ort, aus dem man kommt, der am weitesten entfernt. Schließlich bin ich dorthin gefahren, wo ich lange nicht gewesen war und auch nie mehr hinwollte und habe einen Teil von mir entdeckt, den ich nicht zu finden geglaubt hätte. Eine Form der Dankbarkeit, sowas wie Frieden, Herkunft, Abscheu, Licht, den Süden von Irgendwas. Es war daher schön in diesem Sommer und fast traurig, als wir abreisen mussten, was irgendwie viel schlimmer war, wie wenn man wütend ist, flucht und flieht. Man konnte fast vergessen, dass man in Deutschland ist, war ja nun auch schon bald Frankreich. Mit Orten, die Namen hatten, wie Kaiserstuhl, Tuniberg und Markgräfenland. Vor uns lag das Tor zur Badischen Weinstraße, eine große, warme Ebene voll Riesling und Spätburgunder bis zu den Vogesen, schon ein Cabrio wert. Ich stellte mir vor, wie die Franzosen hier im Krieg durch sind und den Deutschen das weggetrunken haben, was sie ihnen schuldig gewesen sind. Ich dachte an Eichendorf, der hier Wandern ging und soff und Wilhelm Hauff, der sein Kaltes Herz im Schwarzwald schlagen ließ. Ich dachte leider auch an Berliner, die einen auf Weinkenner machen und in engen Hosen und schmalen Schuhen vor einem Spritz in Baden-Baden sitzen und von ihren Toskana-Ferien erzählen. Hier wollte die Welt genesen, vor allem nachdem Cesar Ritz, Eisenbahn und Dampfmaschine für einen Urknall gesorgt haben, der Reisen zu einer luxuriösen und angenehmen Angelegenheit gemacht hat. Baden-Baden gab es, bevor es die Coté d’Azur gab, die Amalfiküste und auch das Engadin. Formentera, Marbella oder Santorini spielen nicht in dieser Liga. Das Kurdorf im Schwarzwald gilt als die Sommerhauptstadt des alten Europa. Basis Camp der Aristokratie. Vielleicht nicht so romantisch hinterm Eisernen Vorhang wie Karlsbad, eben etwas mehr renoviert, aber auch schön im Wald, mit Russen und Chinesinnen, die in Reizwäsche einen auf Junggesellenabschied im Dampfbad machen. Noch heute gilt: Baden-Baden im August für alle die auf Kumpels von Edward II. machen. Pferderennen, Heilwasser, das schönste Spielkasino der Welt. Das Fridrichsbad hat die Dimensionen eines Europäischen Parlaments. Bei Clara Schuhmann vollendet Brahms seine Lichtentaler Symphonie. Turgenev schreibt an Flaubert: Kommen sie nach Baden-Baden, hier gibt es Bäume, die sie sonst noch nirgends gesehen haben und eine Einkaufspassage, die die gleichen Sachen wie die Via Condotti in Rom oder die Rue de la Paix in Paris in den Auslagen hat. Anstatt der Kutschen, heutE Ferraris, Range Rover, Rolls Royce, aber immer noch Glücksspieler und Verführer, selbst wenn die engere Hosen anhaben […]

DASEIN (Teil 02)

DASEIN (Teil 02)

Damals, in dieser Zeit, die längst vergangen ist und wir viel in Hesses Romanen lasen, wohnten wir in einem Dorf in einem Haus, das frei und viereckig in einem Tal stand und ganz vergessen in die Berge gefallen war. Durch das Tal floss ein Bach und das Tal war tief und fiel bergab und hatte den Höhepunkt seiner Fruchtbarkeit erreicht. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Alles war hoch und tief und je weiter das Tal hinunterging, desto wärmer wurde es und aus dem Bach wurde ein Fluss, der in gewaltigen Seen endete, die den Meeren gleichen. Warme Luft stieg auf und man konnte die Luft sehen, wie sie zwischen Felswänden und Kirchtürmen stand und von einem mächtigen Licht durchbrochen wurde, das alles kräftig in den Farben der Dinge erstrahlen ließ, genau wie Hodler es gemalt hatte. Es waren Berglandschaften, Dschungelberge, eine Kirchglocke, die irgendwo schlug und von der Ferne hergetragen wurde. Klare Laute der Natur, kein Krach der Stadt, nur Klang der Dörfer. Man hörte Kühe fressen, im Orchester oder höchstens mal einen Tschingg, der sein Motorrad an einer Bushaltestelle testete und pfiff, wenn eine Monica Bellucci an seiner Bushaltestelle vorrüberging. Es musste schön sein, in diesem Tal schön zu sein. Die Dörfer waren weltgewandt und kultiviert und man konnte in ihnen viele Sprachen sprechen und eine Frau lieben und einer bestimmten Tätigkeit nachgehen. Was wäre die Welt ohne diese Dörfer und diese Bewohner und Bewahrer, ohne die Bushaltestellen und Kirchen, die am Hang vor dem Blau des Himmels stehen, schon immer, egal was. Man konnte in diesem Tal nichts tun, außer man wusste, was man tun konnte. Einsam, weit weg von allem, guten Käse essen, schlechten Wein trinken, abends am Kamin sitzen und noch mehr Wein trinken, der immer besser schmeckte, je mehr man getrunken hatte. Morgens lagen wir lange da, guckten von warmen Betten aus offenen Fenster und hingen uns danach an schwere Steine im Bach, um uns vom Quellwasser umströmen zu lassen. Es war kein Eiswasser, man konnte darin überleben, und wenn die Sonne auf die Stelle schien, an der man gerade hing, konnte man es sogar genießen. Wegen so eines Baches lernten wir eines Tages den Metzger des Dorfes kennen. Ich hatte meinen Ring beim Umströmen verloren und der Metzger besaß die einzige Taucherbrille im Dorf. Den Ring fanden wir nicht, aber wir verstanden uns prächtig […]