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BYND

Konstantin Arnold

ALFA & OMEGA

ALFA & OMEGA

Jenen Winter verbrachten wir in Rapallo. Einer alten, italienischen Stadt, mit kleinen Gassen und Geschäften und einer Promenade, auf der man gut gehen kann. Ligurien, sehr 19. Jh. Der ausgeschlafene Mann, der seiner fellbedeckten Frau am Morgen die Pasta Fresca heimträgt und eine Corriere della Sera unter dem Arm hält, beherrscht das Bild, was die Küste zur Riviera Italiens macht. Früher hatte ich diesen Teil der Riviera nicht sehr ernst genommen und den Eindruck gehabt, die Welt nehme ihn nicht so ernst, wie die Französische, was daher rührt, dass man immer glaubt, die Welt interessiere sich nur für das, was einen interessiert. Frankreich nutzt das 19. Jahrhundert als Hintergrund seiner Gegenwart, während es hier an der Riviera di Levante nur noch Erinnerung ist, Napoleons Fenstersteuer, ein bunt bemaltes Herrenhaus unter Pinien, und Hotels, wie das Excelsior, das Miramare oder das Imperiale, wo 1922 der Vertrag von Rapallo unterzeichnet wurde. Früher kamen die Leute im Winter, jetzt kam keiner mehr, obwohl die Leute im Winter netter sind, die Wege leerer, die Parkplätze freier. Der Büffelmozzarella schmeckt besser, die Puntarelle wächst, Artischocken blühen und Farinata ist und bleibt ein traditionelles, ligurisches Wintergericht. Die Ladenverkäufer freuten sich, dass wir im Winter kamen und blieben, so wie früher. Früher wären die Leute immer im Winter gekommen und geblieben, sagten die dann mit einem Glas in der Hand und nur die, die nicht im Winter kamen und nicht tranken und dauernd gingen, fragten, warum wir nach Rapallo kamen im Winter und für wie lang. Ich konnte das nicht sagen. Zu sagen, dass es für immer wäre oder ein bisschen, ist beides falsch. Einen Winter in Italien leben, ist das schönste, was man mit sich und seiner Liebe überhaupt machen kann. Man kann hier gut leben und gut arbeiten, was das gleiche ist und darauf kommt es wohl an. Ansonsten muss man nichts, nicht mal krank werden oder dolce far niente und kann arbeiten, was eigentlich auch das schönste ist, was man hier machen kann. Künstler suchen, ungleich ihrer Passion, eine Atmosphäre von Trägheit und Leuten, die in der Sonne vor den Caffés sitzen und Mittagspause mit Wein machen, so als ob es gar keine Geschichte gäbe, die man noch fertig schreiben muss, so wie die hier. Man arbeitet bis zum Lunch und versucht dann noch mal bis zum Aperitif zu arbeiten, wenn einen die Liebe lässt. Manchmal geht der Tag so dahin. Die eigentliche Arbeit ist dann zum Arbeiten zu kommen, der Rest nur Schreiben. Man zieht sich was schickes an und geht eingehakt unter den Arkaden, um in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. Begrenzt wird das Glück ja nur von Leuten, die fragen und wir trafen kaum Leute in diesem Winter und die, die wir trafen, fragten nur, obs sonst noch was sein kann und waren so gut wie die Wintertage selbst. An den guten Wintertagen machten wir lange Spaziergänge zu den Gasthäusern in den Bergen und kürzere nach San Michele di Pagana und Santa Margherita oder in die andere Richtung, an der Burg vorbei bis zu den Schienen, die weiter nach Zoagli, Chiavari, Sestri und La Spezia führen. Nach Portofino gingen wir nie. Es gab viele Wege, die man gehen konnte, nachdem man sich geliebt hatte und von der Via Paraggi a mare sagt man, es wäre der schönste Weg und vielleicht ist er es. Der geht ganz nah am Wasser lang und hinter den Gärten von Villen. Man kommt an all diesen Eingängen und Toren vorbei, durch die man über die Terrassen der Villen bis zum Meer gucken kann und das Meer liegt da hinter den Pinien bis zu den Bergen, die sich in der Ferne an ihren Rändern abzeichnen. Fischerboote kamen vom Meer und wir gingen oft, um am Ende des Tages in die Gesichter der Fischer zu sehen. Ihre Gesichter waren immer gleich, egal wie der Fang war und sie schienen unbeeindruckt von der Zeit und darüber, dass sie vergeht. Sie schnitten ihre Anchovis und legten sie in Salz und kümmerten sich um die Riviera, wie sie sich seit Generationen um die Riviera gekümmert hatten, indem sie Anchovis schnitten, sie in Salz einlegten und Geschichten erzählten, die sie so alt sind, wie die Geschichte selbst. Folgt man den Flüssen gelangt man ins Hinterland und fühlt siczh ganz anders als in Rapallo, Chiavari oder Genua und der Bucht der Märchen und der, der Stille, die Sestri Levante teilt. Dahinter kommt La Spezia und die der Poeten, die Byron angeblich durchgeschwommen ist und Botticelli als Hintergrund seiner Venus wählte. Die Venus selbst stammt aus Florenz, aber nur weil der hier nie eine Portugiesin aus dem Meer kommen gesehen hat. Dieses Hinterland hat Reize, hinter die man erst kommt, wenn man länger hier lebt. Es gibt keine Kolossen und Eifeltürme, die sich einem auf die Nase binden und niemandem, der einem sagt, dass man da unbedingt hin muss (wie ins U Giancu oder La Brinca). Das macht es sehr schön, weil man das selber für sich entscheiden muss und hier im Winter nur Leute findet, die das selber für sich entschieden haben. Nobelpreisträger wie Yeats und Hemingway hatten das selbst für sich entschieden, und Gerhard Hauptmann, von dem ich zwar nie was las, aber vor dem Haus schwimmen ging, in dem der wohl wohnte. Es bietet jedem, was er sucht, wenn er es selbst finden kann, ohne dass er es gezeigt bekommt, und zwingt dem Menschen keinen Lebensstil auf, wie die Nordsee, das Engadin oder Ägypten […]

PORTOFINO

PORTOFINO

Portofino hat mich nie interessiert. Ich habe die Cinque Terre gesehen, das reicht. Viele Autos, noch mehr Menschen, eine Bucht. Immer einer der Strandtücher verkaufen will. Das Essen schlecht. Und teuer. Außerdem liebe ich Genua, und für viele ist Genua nur eine Stadt bei Portofino. Blitzlichtgewitter, aber nicht das glamouröse. Diese wunderbaren Schwarzweißbilder, die muss man Portofino schon lassen. Wer da nicht alles über die Piazzetta gelaufen ist, eins der heißesten Pflaster der Welt. Gable, Bogart, Cardinale, und wie sie nicht alle heißen. Die hatten im Urlaub wenigstens noch was Ordentliches an. Heute kommt 50Cent und trägt Hawaiihemden. Hauptsache Luxusyacht, die irgendwo in der Bucht steht, und den Blick auf die Sonne versperrt. Bei Elisabeth Taylor und Richard Burton hatte das Stil. Die haben Jetset und Paparazzi immerhin erfunden. Ich wusste nicht, dass der Burton so eine Rakete gewesen ist, bis mir jemand seine Tagebücher aufquatschte. Da ist also ein Mann, der den ganzen lieben langen Tag auf seinem Boot lesen und trinken möchte. Ein sehr guter Schauspieler, der ein noch besserer Schriftsteller werden wollte. Und ich dachte, der hätte nur sowas wie Cleopatra gemacht. Burtons Mittelmeergeschichten lesen sich wie eine Seekarte durch die Wetterphänomene der Liebe, die einem nun mal begegnen, wenn man es gut und ehrlich meint und sich einlässt, egal wie schön der Ort auch ist, an dem man gerade ankert. In seinen Geschichten ist Portofino noch genau so, wie es nie war. Und immer dieses Hotel Splendido. Als eine Art Tresor, in dem sich das Lebensgefühl dieses Ortes über die Jahrzehnte gehalten hat. Es dampft hoch oben in den Hügeln am Hang, wie ein Schiff. Schaut terracottafarben über die Bucht und reiht sich in die Landschaft ein, anstatt sie zu zerstören. Alles steht am Hang unter Naturschutz. Jede Blume, jeder Baum, die Zeitlosigkeit. Abfackeln und neu bauen, wie woanders, geht in Portofino nicht. Als hätten sich die Menschen darauf geeinigt, auch die Bösen, dieses kleine Paradies auf Erden zu erhalten. In eine Bucht verzogen. Das Gesicht von der Welt abgewandt. Heute ist das Splendido ein Belmond Hotel. Es gibt Luxushotels und es gibt Belmond, aber zwischen beiden ist manchmal lange nichts. Man kann den Wert eines Hotels ganz einfach an Kugelschreiben und Klopapieren messen, an der Begrüßung und am Briefpapier, an der Art wie der Concierge sagt, dass etwas jetzt leider schon geschlossen hat. An Kleinigkeiten also, die den großen Unterschied machen. Es ist ein Haus das sehr für diesen Ort steht und ihn in sich konzentriert und seine Geschichte heute noch zugänglich macht. Natürlich hat das seinen Preis und natürlich schützen die Preise vor der Ausnutzung dieses Gefühls und keiner kann leugnen, dass das schön ist. Was teuer ist und was nicht, ist besonders für jeden, nur das teuer ist, was keine Qualität widerspiegelt, gilt generell. Im Splendido kann man für den Preis erwarten, dass alles, was man dort tun muss, ist selber scheißen. Ich wohne in vielen Hotels und muss die wunderbare Imperfektion des Lebens meistens irgendwie in meinen Texten überkommen. Außer bei Belmond. Entschuldigung, das ist keine Werbung, sondern verdient. Vielleicht greife ich vorweg, aber ein Beispiel: man sitzt im Zug nach Portofino und hat keine Farbfilme mehr. Es gab in ganz Nizza keine und auch nicht in Ventimiglia, obwohl die Leute auf den Straßen dort alles Mögliche verkaufen. Man fährt schön am Strand lang und bald kommt Latte und die Ebene zwischen Albenga und Loano und dann ruft Luca an, der Concierge aus dem Splendido und fragt, wies so läuft mit der Anreise und ob er irgendwie behilflich sein kann. Er ruft einfach so an, uns einfache, sterbliche Menschen, keine Ölscheichs oder Oscarpreisträger. Ich sagte, Luca, wir fahren gerade auf diesem schmalen Stück zwischen Alpen und Meer und es ist wundervoll und ich habe meine Farbfilme vergessen. Er fragte, wo genau ich wäre und ich sagte, wir sind gerade an einer tollen Kirche vorbei. Ah, das muss […]