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BYND

Konstantin Arnold

DURCHN WIND

DURCHN WIND

Irgendwann wurde es so heiß, dass man nirgends mehr hingehen konnte. Glückliche Paare fuhren auf ihren Vespas an uns vorbei, ohne zu schwitzen, während wir im Schatten auf den Bus warteten, der oft nie kam. Ich dachte darüber nach, was für eine Welt uns mit so einem Ding offen stehen würde und träumte mich am Abend mit den jungen Mädchen auf den Dingern davon. Rückenfrei, braungebrannt, frisch vom Strand. Body Lotion und Jugend wehte ihnen nach. Noch zu viel Parfüm. Ein Freund, der woanders wohnte und sah, wie’s mir ging, lieh mir seine. Er meinte, dass es gut für mich und meine Beziehung wäre, wenn ich sie ab und an auch mal auf einer sehe. Die Italienerinnen tragen kurze Röcke und haben hohe Stiefel dazu an. Das ist Napoleonisch und symbolisiert Macht, wenn man an Königin Christina von Schweden denkt, oder Katharina die Große, die mit höfischen Konventionen bricht und sich in Gardeuniform und Stiefeln auf einem Schimmel zeigt, wie die auf ihren Vespas. Meine Gedanken kommen da nicht mit. Es passiert im Vorbeifahren und alles, was einem dann bleibt, sind Haare, die aus einem Helm kommen und dieses nackte Stück Bein zwischen Stiefeln und Minirock, das mehr zeigt, als er verspricht. Es gibt keine schönere Position für schöne Frauen in der Öffentlichkeit, als auf einer Vespa, im Vorbeifahren, an denen das Vorbeifahren das Schöne ist. Kein selber Tanken, kein bei dreißig Grad im Sommerkleid an einer Trockenmauer lehnen und aus einen Strohhalm trinken, Yoga und Joggen schon gar überhaupt gar nicht. Dagegen ist es auf einem schnellen Motorrad nur billig und vulgär, wenn sie hinten drauf sitzen wie auf einem Pimmel. Die Vespa ist im Laufe ihrer Geschichte üppiger und elektronischer geworden. Während die Ur-Vespa von 1946 als mechanisch, leicht taillierte Alltagslösung für Frauen in langen Kleidern, mit gefallenen Männern, daherkam, sieht man heute dicke, braungebrannte Opis mit offenen Helmen auf alten, keuchenden Silberdingern, die sich nach dem Lunch mit Zigarillo im Mundwinkel die Berge hoch kämpfen und für Entspannung sorgen. Seine Vespa war ein hässliches, neues Ding, aber besser als keine Alte. Auf einmal konnten wir von einem Ort zum nächsten, ohne zu schwitzen. Manchmal fuhr ich nach dem Schwimmen für ein bisschen Wind in der  Gegend rum, bis zur Dämmerung, über die Berge. Schon nach wenigen Metern hängt man die Gedanken ab. Steht in Verbindung mit der Zeit, fährt schneller langsam, wird Teil der Umgebung, liefert sich aus, ist sichtbar, zum Trotz aller abgedunkelten Range Rover und verlässt sich auf die schmalen Straßen einer oft gefahren Landschaft. Wir konnten uns morgens nun in Paraggi an den Quallen verbrennen, in Santa  Margarita Frühstücken, in San Michele di Pagana Arbeiten, in Rapallo Mittagessen, in Zoagli Schwimmen, in Camogli Bücher von Seneca kaufen oder gebrauchte Ventilatoren und in Chiavari irgendwas abgeben, alles an einem Tag. Wir konnten morgens direkt vorm Caffé halten und an der Bar stehen, mit dem Gefühl schon geschwommen zu sein und unsere Helme neben den Caffé legen und für einen Augenblick vergessen, dass wir nicht hier geboren wurden. Wir konnten Freunde besuchen, die in den Bergen Häuser hatten, mit Fenstern, in denen nur Meer war und Himmel. Und abends konnten wir in die eine Bar, die ich schon oft im Vorbeifahren gesehen hatte, mit glücklichen Leuten auf der Mauer, so wie ich es gerne hatte. Weiter hoch ist ein Kirchplatz, mit Kastanien und anderen Bäumen unter denen ich ihr seitdem das Fahren nach drei Sbagliato beibringe. Gegenüber war die Bar, in der man auch gut an der Theke stehen konnte, mit Lastwagenfahrern von überall und Handwerkern aus der Gegend. Man konnte direkt vor der Bar halten und musste durch alle durch und sagte oft Ciao. Auf dem Rückweg fuhr man dann nur noch fünfzig und genoss es über den Hügeln von Santa zu sein, was viel besser war als über den Hügel Palermos oder denen von Nizza, die gar keine richtigen Hügel sind und voller Polizei. Manchmal nahmen wir uns frittierte Meeresfrüchte mit oder Käsefocaccia und machten auch diesen Traum war, obwohl es dort oben immer nette Leute gab, die ihr Essen mit einem teilten und aus ihren Leben erzählten, vom Leben in Mailand und Sterben in Berlin. Hier, in diesem kleinen Scheißloch, zwischen den Orten, an keiner besonderen Stelle, auf dem Weg woanders hin, mit dem Zigarettenautomat und den Leuten an der Theke, war die italienische Seele zuhause. Man feierte zu dieser Zeit viele Feste auf den Dörfern und wir fuhren zu allen hin. Aßen, tranken, Tanzten.  Manchmal kamen wir zu spät, weil die Zeit eine fürchterliche Erfindung ist. Sie treibt uns an, in guten und in schlechten Zeiten, gibt den kosmischen Takt, ob man gerade damit einverstanden ist oder nicht. Die Kirchtürme messen dieses Vergehen, Klingen der Glocken pro Stunde, Abschied, Verweile doch, du bist so schön. Dann fuhren wir rum, fanden nichts mehr das offen hat und vögelten hungrig hinter den Leitplanken. Am nächsten Morgen wacht man dafür früh auf und hat den Tag vor sich und die Vespa, mit der man durch den fahren kann. Die Oliven links, das Meer rechts und in den Bergen immer jemand, der um die Zeit schon Feuer macht. Dann schwammen irgendwo und fühlten uns frisch und schön, braun und schmuckbehangen, wie in einer Gucci-Werbung, während der Wein kalt wurde und man das Leben meistert. Einmal machten wir eine lange Tour und fuhren hinter die Bergen in ein Tal, das nichts mehr mit dem Meer zu tun hatte, aber auffallend viele Küchengeschäfte. Niemand wohnte hier und niemand, den wir kannten, kannten jemanden, der hier wohnte und dem wir davon erzählen konnten. Wir fuhren durch viele kleine Dörfer, in denen man keine Wahl hatte und so gut glücklich sein konnte. Kleine einspurige Straßen,  Mittägliche Ruhe, nichts zum Vergleichen, fast statisch, wie ein Renaissance Bild. Rechts Oliven, links stand der Wein. Oben an den Hängen sahen die Kirchen über das […]

PORTOFINO

PORTOFINO

Portofino hat mich nie interessiert. Ich habe die Cinque Terre gesehen, das reicht. Viele Autos, noch mehr Menschen, eine Bucht. Immer einer der Strandtücher verkaufen will. Das Essen schlecht. Und teuer. Außerdem liebe ich Genua, und für viele ist Genua nur eine Stadt bei Portofino. Blitzlichtgewitter, aber nicht das glamouröse. Diese wunderbaren Schwarzweißbilder, die muss man Portofino schon lassen. Wer da nicht alles über die Piazzetta gelaufen ist, eins der heißesten Pflaster der Welt. Gable, Bogart, Cardinale, und wie sie nicht alle heißen. Die hatten im Urlaub wenigstens noch was Ordentliches an. Heute kommt 50Cent und trägt Hawaiihemden. Hauptsache Luxusyacht, die irgendwo in der Bucht steht, und den Blick auf die Sonne versperrt. Bei Elisabeth Taylor und Richard Burton hatte das Stil. Die haben Jetset und Paparazzi immerhin erfunden. Ich wusste nicht, dass der Burton so eine Rakete gewesen ist, bis mir jemand seine Tagebücher aufquatschte. Da ist also ein Mann, der den ganzen lieben langen Tag auf seinem Boot lesen und trinken möchte. Ein sehr guter Schauspieler, der ein noch besserer Schriftsteller werden wollte. Und ich dachte, der hätte nur sowas wie Cleopatra gemacht. Burtons Mittelmeergeschichten lesen sich wie eine Seekarte durch die Wetterphänomene der Liebe, die einem nun mal begegnen, wenn man es gut und ehrlich meint und sich einlässt, egal wie schön der Ort auch ist, an dem man gerade ankert. In seinen Geschichten ist Portofino noch genau so, wie es nie war. Und immer dieses Hotel Splendido. Als eine Art Tresor, in dem sich das Lebensgefühl dieses Ortes über die Jahrzehnte gehalten hat. Es dampft hoch oben in den Hügeln am Hang, wie ein Schiff. Schaut terracottafarben über die Bucht und reiht sich in die Landschaft ein, anstatt sie zu zerstören. Alles steht am Hang unter Naturschutz. Jede Blume, jeder Baum, die Zeitlosigkeit. Abfackeln und neu bauen, wie woanders, geht in Portofino nicht. Als hätten sich die Menschen darauf geeinigt, auch die Bösen, dieses kleine Paradies auf Erden zu erhalten. In eine Bucht verzogen. Das Gesicht von der Welt abgewandt. Heute ist das Splendido ein Belmond Hotel. Es gibt Luxushotels und es gibt Belmond, aber zwischen beiden ist manchmal lange nichts. Man kann den Wert eines Hotels ganz einfach an Kugelschreiben und Klopapieren messen, an der Begrüßung und am Briefpapier, an der Art wie der Concierge sagt, dass etwas jetzt leider schon geschlossen hat. An Kleinigkeiten also, die den großen Unterschied machen. Es ist ein Haus das sehr für diesen Ort steht und ihn in sich konzentriert und seine Geschichte heute noch zugänglich macht. Natürlich hat das seinen Preis und natürlich schützen die Preise vor der Ausnutzung dieses Gefühls und keiner kann leugnen, dass das schön ist. Was teuer ist und was nicht, ist besonders für jeden, nur das teuer ist, was keine Qualität widerspiegelt, gilt generell. Im Splendido kann man für den Preis erwarten, dass alles, was man dort tun muss, ist selber scheißen. Ich wohne in vielen Hotels und muss die wunderbare Imperfektion des Lebens meistens irgendwie in meinen Texten überkommen. Außer bei Belmond. Entschuldigung, das ist keine Werbung, sondern verdient. Vielleicht greife ich vorweg, aber ein Beispiel: man sitzt im Zug nach Portofino und hat keine Farbfilme mehr. Es gab in ganz Nizza keine und auch nicht in Ventimiglia, obwohl die Leute auf den Straßen dort alles Mögliche verkaufen. Man fährt schön am Strand lang und bald kommt Latte und die Ebene zwischen Albenga und Loano und dann ruft Luca an, der Concierge aus dem Splendido und fragt, wies so läuft mit der Anreise und ob er irgendwie behilflich sein kann. Er ruft einfach so an, uns einfache, sterbliche Menschen, keine Ölscheichs oder Oscarpreisträger. Ich sagte, Luca, wir fahren gerade auf diesem schmalen Stück zwischen Alpen und Meer und es ist wundervoll und ich habe meine Farbfilme vergessen. Er fragte, wo genau ich wäre und ich sagte, wir sind gerade an einer tollen Kirche vorbei. Ah, das muss […]